München macht Fotomarathon

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Am 09.08.2014 war wieder Fotomarathon in München und ich habe wie schon 2012 und 2013 wieder teilgenommen. Das Oberthema dieses Jahr war „München macht…“. Die 12 Einzelthemen ergänzten das Oberthema dann jeweils mit einem weiteren Wort zu so einer Art „Satz“. Zwei aufeinanderfolgende Aufgaben waren dann mit etwas Fantasie noch gegensätzliche Begriffe. Daraus hätte man was machen können – oder auch nicht.

Im letzten Jahr haben sich viele Teilnehmer über das eng gefasste Themenfeld der bayrischen Fernsehserien beschwert, auch in Ulm dieses Jahr war man mit den Blockbustern in einen sehr engen Rahmen gepresst. Das hier war völlig anders. Frei von allen Randbedingungen konnte man sich auf die reinen Worte konzentrieren und versuchen, diese in eine packende Serie zu verwandeln.

War das einfacher?
Nicht wirklich, denn die Begriffe brachten mich entweder gar nicht weiter (what the fuck is ‚flutsch‘?) oder zu den all zu offensichtlichen Motiven. Ich mag keine offensichtlichen Umsetzungen, ich mag das „um die Ecke denken“. Hat in Ulm leider so gar nicht geklappt, aber das ist nun mal mein Stil, meine Art der Fotografie. Beim Thema „fromm“ eine Kirche, bei „verstopft“ den Münchner Straßenverkehr und bei „verliebt“ ein süßes Pärchen auf einer Parkbank von hinten mit dem Tele abschiessen. Sorry, not my business.

Aber reden wir erst mal kurz über’s Equipment. Ich hatte mein komplettes Fotozeugs im Kofferraum meines Autos verstaut, war mir aber von Anfang an sicher, dass ich nur mit dem ganz kleinen Besteck losziehen werde. Ich hatte auch Gedanken an Stativ, ND-Filter oder sogar entfesselte Blitze, aber bei den Themen erschien mir das nicht passend. Und dann gibt Arndt als inoffizielles Motto a.k.a. Fotografenzitat auch noch Frank Kappa’s „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran“ aus. Das bestätigte mich in meiner ersten Idee – Alle Bilder mit dem 16-35mm, wenn möglich bei 16mm machen. Schwarzweiss und Querformat waren Pflicht – und mit etwas Neid habe ich auf so manchen Teilnehmer geschielt, dessen Micro Four Thirds quadratische Bilder out of the box machen kann.

Na dann kann es ja losgehen, hier kommen meine Bilder:

01. wolkig

1. wolkig (inkl. Startnummer)
Ein weiterer Vorsatz dieses Jahr war: Keine Basteleien, keine gestellten „Produktfotos“ wie 2013. Daher habe ich auch fast eine Stunde nach einer passenden Hausnummer 44 (meiner Startnummer) gesucht. Gesucht, gefunden. Gleich gegenüber wäre noch der Chevy Caprice aus Bild 12 gestanden – Leider standen die Plüschwürfel am Rückspiegel auf 46 und nicht auf 44 und der Fahrer war nirgends zu finden. Also musste ich wirklich Wolken beim Thema wolkig fotografieren. Schande über mich.

02. heiter

2. heiter
Was macht heiter – die Sonne.
Wo ist die Sonne – hinter den Wolken.
Also suchen wir uns eine eigene Sonne. Gefunden habe ich sie in irgendeiner Einkaufspassage. Reiner Zufall, wie so oft an diesem Tag. Manchmal ist es ein Segen, wenn man sich in der Stadt des Fotomarathons nicht auskennt. Selbst bei 16mm war der Abstand zur Decke so gering (oder die Lampe so groß), dass ich auf dem Boden liegend fotografieren musste – am oberen Ende einer gut frequentierten Rolltreppe. Aber wir sind ja auch nicht zum Spaß hier.

03. ahnungslos

3. ahnungslos
Wieder eine Einkaufspassage (vielleicht sogar die gleiche, ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr). Eine riesige Video Installation von Surfern in einer blau/weißen Brandung. Brechende Wellen auf Kopfhöhe und jede Menge Passanten, die „ahnungslos“ an der Gefahr vorüberlaufen.
Perfekt – Und nach gefühlten 200 Versuchen hat es dann auch funktioniert. Denn noch ein Vorsatz für diesen Fotomarathon war: nicht nach Bildern fragen, keine gestellten Portraits. Wenn dann erst schießen und danach fragen. War in diesem Fall nicht nötig, weil die Person schön von hinten angeleuchtet wurde – bei einem späteren Foto war es dann doch nötig, aber das sehr ihr ja dann noch.

04. clever

4. clever
Was ist clever in München? Nicht mit dem Auto fahren. Aber anstatt das Thema Straßenverkehr in der „verstopft“ Aufgabe zu verwursten, nahm ich mir die muskelbetriebene Alternative zum Auto in der „clever“ Aufgabe vor die Linse. Zuerst hatte ich am anderen Ende des Viktualienmarkts einen wild durcheinander gewürfelten Fahrradverhau im Visier, aber bei den ersten „verstopft“ Versuchen habe ich dann noch diese nette Riege von Verleihfahrrädern gefunden. Also nochmal eine Aufgabe zurückschalten, flach auf den Boden legen und mit 16mm draufhalten. Bingo.

05. verstopft

5. verstopft
Jaja, die Straßen von München sind immer…blablabla. Nasen sind auch oft verstopft, aber macht man daraus ein Bild? Und dann steht da dieses Straßenmodell. Danke Regen, danke Zufall, danke Softies in meiner Hosentasche, danke 16mm am Vollformat. Jetzt habe ich einen Lauf.

06. flutsch

6. flutsch
Der Lauf ist leider schon wieder vorbei. Flutsch, was soll das sein? Flutsch, Flutschig, Flutschfinger – keine Idee. Auch mein verzweifeltes Nachfragen in den sozialen Medien brachte mich da nicht weiter. Und so schoss ich wild durch die Gegend bis es langsam Zeit wurde, sich zum Sendlinger Tor zur Zwischenstation zu begeben. Da treffe ich am Stachus einen Ur-Münchner, der mich 15 Minuten lang vollgequatscht. Jetzt musste es schnell gehen. Also bin ich über die Rolltreppe in den flutschenden Personennahverkehr abgetaucht, hab auf selbiger auch das flutschige Bild geschossen und war rechtzeitig zur Ausgabe der trockenen Schokobrötchen beim Bäcker.

Die wissen schon, warum die diese Dinger verschenken – ohne einen Cappuchino XXXL würde ich heute immer noch darauf rumkauen. Ach ja, einen Zettel mit 6 neuen Aufgaben gab es natürlich auch noch. Nach einem kurzen Schnack mit Bapf und Oli machte ich mich wieder ins Touristenzentrum auf, um die nächsten Aufgaben zu schießen.
Und so ging es weiter:

07. zornig

7. zornig
Meine erste Idee wäre ein getunter A.T.U. Golf mit dem „bösen Blick gewesen“. Aber so was findest du natürlich nicht, wenn du es brauchst.
Fast wäre ich nochmal zu dem Chevy in der Sendlinger Straße gegangen, aber dessen Zeit war noch nicht gekommen. Für zornig war dieses Auto einfach zu geil (Spoileralarm).
Und wie ich da so nach dem passenden Golf suche, sehe ich vor mir diese nette Dame, wie sie gerade ein Ticket für falsch parken ausstellen will. Was wäre ich zornig, wenn das mein Auto wäre. Während ich also im Laufschritt um die Szene schleiche und meinen Autofokus in die völlige Automatik schicke, drehe ich nochmals zur Sicherheit bis zum Anschlag auf 16mm, geh ganz nah ran und das Bild sitzt beim ersten Schuss. Alles andere hätte mich auch ziemlich zornig gemacht.

08. verliebt

8. verliebt
Noch im Freudentaumel über das letzte Bild wanke ich über den Marienplatz und höre auf einmal laute, aber stimmige Männergesänge – Zu stimmig für einen Junggesellenabschied. Das dachte ich, aber als ich mich zwischen den ganzen knipsenden Asiaten durchgedrängelt hatte, sah ich eine ganze Horde junger Männer, die mit Lederhose, weißen Shirts und Bierkrügen ein richtig gutes Ständchen gaben. Also ab in die erste Reihe, also genau in deren Mitte, ab in die Hocke und dank UWW alle aufs Bild bekommen. Was ich damit für die Verliebt Aufgäbe anstellen wollte, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Da hört der Chor auf zu singen und geht auseinander. Zurück bleibt der Bräutigam (ich wußte es doch) gefesselt an einen Bauzaun, in Fußballtrikot und am Allerwertesten, Hintern ach sagen wir es doch wie es ist – am Arsch ausgeschnittenen Hose. Zwei Lederhosenträger stehen neben ihm und bieten Schläge mit einer Fliegenklatsche für 1€ an. Am Rötungsgrad der rechten Backe sehe ich, dass auch schon einige das Angebot angenommen habe. Ihr seht davon dank Schwarzweiß leider nix. Die drei Herren sehen mich und meine Kamera und fangen an „zu posen“. Also ganz nah ran und ab dafür. Zur Sicherheit hab ich danach einen Screenshot per Twitter an @fotomarathonMUC geschickt mit der Frage: ist das noch verliebt oder schon Porno? Den das wäre ja verboten. Ein paar Minuten später wurde mein Tweet von @fotomarathonMUC gefavt, was ich als stilles „alles im grünen Bereich“ deute.

09. verlegen

9. verlegen
Ja was für ein Drecksthema (und da ging’s nicht nur mir so). Ein deutsches Trikot als Anspielung auf Gaucho-Gate? Stop – keine gestellten Produktbilder wie 2013. irgendwas mit Kirche – das kann einen immer verlegen machen. Außerdem komme ich dann nicht in Versuchung, Kirche im Fromm Thema zu verwursten. Purer Zufall trieb mich zur Synagoge am Jakobsplatz. Deutschlands Vergangenheit kann auch verlegen machen, aber einfach ein Bild der Synagoge zu machen war mir zu platt. Also umrunde ich den Platz und sehe am gläsernen Gebäude neben der Synagoge jede Menge Inschriften zu genau dem Thema. Und dann sitz ich schon am Boden unter dem Schriftzug „ich lächle“. Darüber steht etwas von Dummheit und im Glas spiegelt sich die Kirche am anderen Ende des Platzes. Zugegeben, etwas aus dem eigentlichen Zusammenhang gerissen, aber soviel Glück bei der Motivsuche macht mich dann schon fast etwas verlegen.

10. gesellig

10. gesellig
Ich umrunde den Platz ein weiteres Mal und stehe vor dem mächtigen Hauptportal der Synagoge und denke: das ist mein Motiv für die fromm Aufgabe. Da sehe ich schon den ersten Konkurrenten mit Teilnehmernummer auf dem dicken Fotorucksack. Und noch einen. Und da ist ja noch einer. Euch werd ich’s zeigen. Ich werde nicht in den nächsten Biergarten gehen und gesellige Bayern (und Asiaten und Amerikaner) fotografieren. Meine Gesellschaft lebt ihre Geselligkeit hinter dieser meterhohen massiven Metalltür. Ohne mich. Aber gesellig bedeutet ja nicht, dass ich mit dabei sein muss. Oh Mann, hoffentlich kapiert die Jury das.

11. fromm

11. fromm
Warum ich keine Kirche zur Fromm aufgäbe wollte? Weil ich bereits um 12:00 mittags etwas gesehen habe, dass mich sehr stark an die Großveranstaltung einer ganz üblen Sekte erinnerte: das Glockenspiel am Marienplatz. Komische Figuren machen komische Dinge in luftiger Höhe und willige „Gläubige“ bekunden ihren Glauben durch das minutenlange Hochhalten aller möglichen Reliquien (a.k.a. DSLRs, Smartphones und Tablets). Was für ein Anblick. Damit auch wirklich alle Touristen, äh Gläubige daran teilnehmen können, wird das ganze Schauspiel nachmittags wiederholt. Und da steh ich mittendrin und halte meine Kamera auch brav überkopf. Aber ich schaue nicht Richtung Turm, sondern dahin, wo die meisten digitalen Aufzeichnungsgeräte hochgehalten werden. Und schon habe ich mein frommes Bild im Kasten.

12. geil

12. geil
Das ist geil. Ich bekomme zum Schluss doch noch die Möglichkeit, den Chevy Caprice in der Sendlinger Straße zu verwerten. Zeit habe ich noch genug (warum auch immer das heute so schnell geht), also kann ich mich dem Fahrzeug, das zum Glück noch immer da steht, von allen Seiten nähern. 20 Minuten später und 5 Touristen, die sich auch unbedingt mit dem Auto ablichten müssen, habe ich ein würdiges, ach was sag ich, geiles Bild dieses Schätzchens im Kasten.

Fertig.

Es ist noch richtig früh und ich nutze die Zeit um mir noch für den nächsten Shopping Trip nach München ein paar schicke Läden auszukundschaften. Dann aber schnell in die flutschige U-Bahn zum Max-Weber-Platz, Bilder auf einer Parkbank aussortieren und abgeben. Ich habe es wieder einmal geschafft. Aber bin ich glücklich? Ja, denn ich kann voll und ganz hinter jedem meiner Bilder stehen. Keine Requisiten (ok, außer der verstopfenden Softies), keine gestellten Produktfotos, keine Basteleien. Und vor allem: keine Glaskugeln, kein roter Faden (also wirklich eine Schnur in jedem Bild), keine PEZ Männchen, Zeichenpuppen oder sonstiges Plüschgetier. Nichts als reine Situationsfotografie.
Das Feierabendbier gab es diesmal in einer ausgesprochen großen Runde, was sehr angenehm war. Dann noch 2 Stunden auf der Autobahn (Danke Holledau-Baustelle), Ankunft in Regensburg gegen 23:00, duschen und Lichter aus.
Danke liebes Fotomarathon München Team für den coolen Event, für einen Tag voller Fotografie, Schweiß und jede Menge Coffee-to-go, für 28000 gelaufene Schritte und 350 gefahrene Kilometer. Danke für das Treffen mit über 200 Menschen, die genauso verrückt sind wie ich selbst. Danke, Danke, Danke.

Und Danke an die liebe Konkurrenz für das schnelle Erstellen eurer Blogposts. Seit einer Woche plagt mich mein Gewissen weil ich nicht zum Schreiben komme, aber unser kleiner Zwerg geht im Moment einfach vor – und das ist auch gut so.

Here they come:
Apographon
domlen
Jürgen Kaspar (außer Konkurrenz in Rouen)
Jan Weiss
Anette Mayerhofer
Bapf