Vivid sprint

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Wer immer nur im Automatikmodus fotografiert, kennt sich mit dem manuellen Modus nicht aus. Und wer immer RAW fotografiert, weiß nichts über die kamerainternen Bildstile, automatische Entrauschung und so abgefahrene Dinge wie Nikon’s Active D-Lighting.

Den Schritt der ersten These bin ich vor vielen Jahren gegangen, aber wie? Ich habe meine Kamera auf ‚M‘ gestellt und hab diesen Modus lange nicht mehr verlassen. Ich habe mir angeschaut, welche Stellschrauben ich habe (Zeit, Blende, ISO), wie sie sich auf das Bild auswirken und habe gelernt, damit umzugehen und auszukommen. Und wenn ein Bild mal nicht 100% so rausgekommen ist, wie ich mir das vorgestellt habe, dann war ja da immer noch Lightroom, mit dem in der Nachbearbeitung ja so viel möglich ist – wenn man sich die nötige Zeit nimmt und das Handwerkszeug von Lightroom lernt.

Dieses Jahr – mit einer neuen Kamera in der Hand – habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, vom noblen RAW-Thron herabzusteigen und mich in die niederen Gefilde der OOC (out-of-camera) Fotografie zu begeben. Und was soll ich sagen: Es ist schön hier. Aber auch mit den Stellschrauben dieser Art der Fotografie muss man sich erst einmal vertraut machen. Aber mal kurz in einem Satz, was meine ich mit OOC: ich fotografiere direkt in jpg, nutze die Bildstile und Firlefanz-Features meiner Kamera (bzw. das was ich bisher dafür hielt) und bearbeite die Bilder nicht mehr am PC nach. Bisher tat ich das vornehmlich in Schwarzweiß, siehe Fotomarathon München 2012 und 2013.

Aber für so manche Idee, die ich in den nächsten Wochen in meinem 52/2014 Projekt umsetzen möchte, darf es dann doch mal etwas Farbe sein. Nein, „etwas Farbe“ ist falsch, eigentlich bin ich auf der Suche nach dem knalligsten Quietschibunt Look, den ich mit den Bordmitteln meiner Nikon D610 hinbekomme. Aus diesem Grund bin ich heute in der Mittagspause kurz losgezogen und wollte ein paar Test/Vergleichsbilder von etwas richtig Buntem machen – gar nicht so einfach an einem grauen Februartag um 11:30 Uhr. Also bin zur 24h Gallerie am Regensburger Dultplatz gefahren. Wem das nix sagt, das sind 9 Betonplatten von ca. 3×3 Metern, die offiziell als Darstellungsraum für die Regensburger Sprayerszene aufgestellt wurden. An der nahegelegenen Europabrücke über den Kanal gibt es zwar noch mehr bunte Graffitis, aber oft von minderer Qualität und kreuz- und quer übereinander gesprüht. Das fand ich für mein heutiges Vorhaben eher unfotogen.

Als erstes kam die Kamera aufs Stativ, das 28er drauf, Blende 8 (auch wenn die Sonne nicht gelacht hat), 1/250s und ISO 200. Zur kamerainternen Entrauschung werde ich heute also nichts schreiben. Und so habe ich dann wieder und wieder das gleiche Motiv mit identischen Grundeinstellungen aufgenommen und habe mich durch die verschiedenen Bildstile und ihre jeweiligen Einstellungsmöglichkeiten iteriert. Zu den Bildstilen in ihren Grundeinstellungen sei nicht viel gesagt. Für meine Bedürfnisse war „Brilliant“ bzw. „Vivid“ am besten geeignet. Bereits in der kleinsten Vorschau mit eingeblendetem Histogramm könnte man erkennen, das hier die Farben richtig knallen werden.


Standard


Neutral


Brilliant


Portrait


Landschaft

Also habe ich mich im folgenden auf diesen Stil konzentriert und dessen Einstellungen unter die Lupe genommen. Und mit jedem Schritt weiter nach rechts auf den Skalen schossen mir mehr Farben entgegen. Und oh Wunder, ich habe es nicht geschafft, einen einzigen richtig dicken Farbabriss zu fabrizieren. Aber schaut euch die Bilder mit den einzelnen Einstellungen einfach und urteilt selbst, wann es euch bunt genug ist. Als ich dann als letztes Mittel noch an dem bis dahin ausgeschalteten Active D-Lighting zu drehen begann, wurde es selbst mir zu bunt – so grün ist das Gras im Februar eben nicht. Aber in der Automatikversion sieht es ganz angenehm aus.


Brilliant – volle Scharfzeichnung


Brilliant – voller Kontrast & Helligkeit


Brilliant – volle Farbsättigung & Farbton blau


Brilliant – volle Farbsättigung & Farbton rot


Brilliant – Alles am rechten Anschlag und ADL Automatic


Brilliant – Alles am rechten Anschlag und ADL full

Also bin ich zurück zu meinem neuen Liebling mit dem netten Namen „Vivid“ oder „Brilliant“, wie es im unschönen Nikondeutsch heißt. Jetzt durfte die Kamera auch runter vom Stativ und ich bin mit angesetztem 28er nochmal ganz nah ran an die Betonplatten. Die Blende hab ich bewusst bei 8 gelassen, damit auch bei Aufnahmen, die schräg zu den Kunstwerken entstanden sind, nicht zu viele Details im Bokeh verschwinden. Ich wollte die Details hinter den Illusionen eines gesprühten Bildes aufdecken, warum manche Stellen auf Graffities zu leuchten scheinen und mit welchen unterschiedlichen Aufsätzen (a.k.a Caps) man welche Art von Linien erzeugen kann. Ich muss sagen, ich bin sichtlich zufrieden mit diesen bunten Bildern und deren Aussagen. Ach ja, hatte ich erwähnt, dass ich für die ganze Aktion gerade einmal 30 Minuten benötigt habe. Wenig Zeit für so viele neue Erkenntnisse.